DIE SEELE EUROPAS - von Sinn und Sendung des Abendlandes
EUROPA GESELLSCHAFT COUDENHOVE-KALERGI
Rezension des Buches von Stephan Baier - Rainhard Kloucek, Generalsekretär Paneuropabewegung Österreich
Schon der Titel macht klar: Europa hat eine Seele. Man muss Europa nicht eine Seele geben, wie es ein früherer Präsident der EU-Kommission einmal gemeint hat, sondern es geht vielmehr darum, diese Seele Europas wieder zu entdecken. Noch eines sagt schon der Titel: Nicht die Nationalstaaten haben eine Seele, sondern Europa. Stephan Baier, Österreich- und Europakorrespondent für „Die Tagespost“, langjähriger Assistent und Pressesprecher von Otto von Habsburg und Wissenschaftskommissar der Europagesellschaft Coudenhove-Kalergi, wagt es, die Europäische Union als subsidiär organisierten Bundestaat zu sehen, der als solcher wieder ein souveräner und „selbstbewusster Akteur auf der weltpolitischen Bühne“ sein könnte. Die große Krise, in der Europa sich befindet diagnostiziert er als Identitätskrise, die wohl nur geheilt werden kann, wenn Europa wieder zu seinen Grundlagen zurückkehrt. Die werden in dem vorliegenden Buch eindeutig als christlich identifiziert. Der christlichen Prägung verdankt der Kontinent die Rechtsstaatlichkeit, die persönliche Freiheit und sein gesamtes Wertegefüge.
Der Autor macht in seinem neuesten Buch eine Reihe historischer Rückgriffe auf die europäische Geschichte, behandelt die Fragen der Grenzen, die geographisch, politisch und kulturell zu betrachten sind, und entlarvt so manche Fehlentwicklung, der Europa im Laufe der Zeit unterlegen ist. Anhand der Geschichte der übernationalen Reiche skizziert er die Reichsidee, mit dem Untergang dieser Epoche definiert er die Machtübernahme von Nationalismus und in weiterer Folge totalitärer Ideologien. Die Staatlichkeit sieht er in einer Krise, obwohl, oder vielleicht gerade, weil das Denken in Nationalstaaten sehr stark etatistisch geprägt ist. Europa ist eindeutig mehr als nur eine Addition von Nationalstaaten.
Sehr differenziert behandelt er die Migrationswelle des Jahres 2015 und ihre Folgen. Dabei lässt er sich weder von sozialromantischen Gefühlen noch von antiislamischen Abwehrmechanismen leiten. Vielmehr geht er auf den tiefen innerislamischen Konflikt ein, in dem die Extremisten die alten Autoritäten beiseiteschieben, und ihre totalitäre Interpretation des Islam mit Gewalt durchsetzen (wollen). Dabei vergleicht er das grausame Wüten des sogenannten Islamischen Staates IS und anderer Gruppierungen mit der Zerstörungswut der Bolschewiken in Russland und ihrer Nachahmer in anderen Teilen der Welt. Europas Aufgabe in diesem innerislamischen Konflikt wäre, den Stimmen der Vernunft im Islam mehr Gehör zu verschaffen.
Mit der Religionsfrage zieht Baier einen Vergleich der Entwicklungen in den verschiedenen Regionen dieser Welt. Während Europa sich immer mehr von der Religion abwendet, die Säkularisierung als religionsloses Leben interpretiert, dazu neigt, Religion als etwas Rückschrittliches zu definieren und damit den Fortschritt in der Abkehr von der Religion zu sehen, nimmt in den anderen Teilen der Welt die Bedeutung der Religion zu. Diese Entwicklung führt zu einer Schwächung Europas, das aufgrund seiner aktuellen Denkweise die Entwicklungen auf den anderen Kontinenten nicht mehr richtig interpretieren kann, sich aber selbst noch immer als Maßstab wähnt.
Zurück zu den Wurzeln - Stephan Baier: „Die Seele Europas – Von Sinn und Sendung des Abendlandes“, fe-medienverlags GmbH; Kißlegg 2017, 193 Seiten, ISBN: 978-3-86357-194-8; 8,95 Euro.
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