Europa ohne ungerechte Grenzen


Durch Jahrhunderte bis in die jüngste Neuzeit haben Gruppen, Völker, Religionen und  Machthaber Eroberungs- oder Verteidigungskriege geführt. Religiöse und moralische Gebote wurden für die eigenen egoistischen Ziel uminterpretiert. Wenn nicht  die Natur durch Wasserscheiden oder Gebirge Grenzen förmlich erzwang, galt das Gesetz des Stärkeren für den jeweiligen Herrschaftsbereich. So sind viele geschichtlich hochstilisierte Volkshelden in unserer heutigen humanisierten Denkweise eigentlich Volksmörder. Hüten wir uns, solche Ungeheuer der Vergangenheit als Grossmachtsidole wieder in den Geschichtsbüchern für die Jugend zurückzuholen, wie es gegenwärtig in Russland mit Josef Stalin der Fall sein soll.

Besonders Europa ist ein typisches Ergebnis der blutigen Menschheitsgeschichte. Dieser Kontinent zog vor allem in den letzten zwei Jahrtausenden eine immense Zahl von Völkern und Kulturen an.  Der letzte verheerende Weltkrieg hat zumindest für das heutige Kerneuropa eine neue Ordnung und glückliche Friedensphase gebracht. Ein Großteil der heutigen Europäer hat Krieg selbst nicht erlebt. Eine Sensibilisierung vor bestehenden Bedrohungen erscheint deshalb notwendig.

Zu diesen Bedrohungen zählt in multinationalen Ländern die Forderung von Minoritätsvolksgruppen nach verstärkter Selbstbestimmung. Die Kriege der Vergangenheit haben auch in Europa grossteils ungerechte Grenzen geschaffen.

Der geistige Vater unseres neuen und demokratischen Europas Richard Coudenhove-Kalergi hat frühzeitig erkannt, dass die Schaffung gerechterer Staatsgrenzen zu neuen Ungerechtigkeiten führen würde. Die Lösung war die Beseitigung der Grenzen überhaupt. Mit den vier Freiheiten für Personen, Waren, Diensten und Kapital in der Europäischen Union sind allgemein Grenzen weitgehend gefallen.

Allerdings hat die Beseitigung der territorialen Staatsgrenzen in der EU manchmal nur eine unbürokratischere Mobilität erbracht, jedoch gibt es in einer Reihe europäischer Länder  noch mehr oder weniger stark ausgeprägte Wünsche in Bezug auf kulturelle und andere Autonomien im Sinne der Subsidiarität. Länder wie Belgien, Spanien, Großbritannien oder der Kosovo sind mit solchen Problemen konfrontiert. Bei den anderen Freiheiten gibt es nach wie vor viele nationale Egoismen, die den europäischen Einigungsprozess behindern. Der Finanzbereich ist hiefür ein schlagendes Beispiel.

Beseitigung von Grenzen verlangt sittliche und moralische Gemeinsamkeiten, da bei demokratischen Beschlüssen von gemeinsamen Werten ausgegangen werden sollte. Die zentralen Werte von Menschenrechten und Menschenwürde haben in Europa als Hauptinspirationsquelle traditionell das Christentum. Richard Coudenhove-Kalergi hat als Europäer „par excellence“ die Formulierung vorgenommen:

„Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Der Staat ist ein Geschöpf des Menschen. Darum ist der Staat um des Menschen willen da – und nicht der Mensch um des Staates willen. Der Wert eines Staates ist genau so groß wie sein Dienst am Menschen: soweit er der Entfaltung des Menschen dient, ist er gut, sobald er die Entfaltung des Menschen hemmt, ist er schlecht.“[1]

 

Ungerechte Grenzen in vielfacher Hinsicht hemmen und die EU ist noch intensiv gefordert mehr Gerechtigkeit zu schaffen.



 

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