SPRACHE UND RELIGION - Sprechen Sie katholisch
KATHOLISCH UND PROTESTANTISCH
Traditionell ist Schweden protestantisch und Österreich katholisch. Wir, d.h. meine protestantische Schwedin und ich österreichischer Katholik, folgen dieser Tradition. Die Grundmuster stimmen auch bei uns. In einer ueber vierzigjährigen Ehe haben wir uns protestantisch und katholisch gut vertragen., wenn auch schon vor der Eheschließung der katholische Priester verlangte: die Kinder werden katholisch. Die ökumenische Hochzeit war eine katholische Zeremonie im Beisein des protestantischen Pastors. Heute ist die katholische Amtskirche etwas liberaler.
Gut vertragen heißt, wir hatten
kaum im Glauben begründete oder religionswissenschaftliche Auseinandersetzungen
.. Und doch stößt die vollkommene Harmonie trotz beidseitiger Beherrschung von
Deutsch und Schwedisch an Grenzen. Oft kommt der Vorwurf der katholischen Doppelmoral
mit vielen Deutungsmöglichkeiten. Der Gegenvorwurf lautet: protestantischer
Puritanismus mit versuchter Millimetergerechtigkeit.
Die schwedische Journalistin Emily
von Sydow geht auf solche Problemstellungen ein und analysiert die
Wechselwirkung von Sprache und Religion im europäischen Umfeld.
Sie empfiehlt, daß Nordländer mit
Interesse für Südeuropa nicht nur einen Sprachkurs, sondern auch einen
Katholischkurs belegen. Umgekehrt sollten Südländer nicht nur beispielsweise
Schwedisch sondern auch die protestantische Religion studieren. Der
Kulturschock wird so in Grenzen gehalten. In der heutigen Welt hat die Religion
oft anderen Lebensphilosophien Platz machen müssen. Politische Ideologien sind
einander näher gekommen, protestantische und katholische Grundwerte sind jedoch
unverändert unterschiedlich. Die Ursachen fuer heutige Konflikte in Europa sind
immer weniger politische Differenzen sondern möglicherweise unterschiedliche
Beurteilungen katholisch bzw.protestantisch geprägter Politiker.
Die katholische Welt ist viel konfliktfreudiger als die protestantische. Die vorherrschende katholische Meinung isti ein Konflikt soll ausgetragen werden und fuehrt dann leichter zu Lösungen. Es handelt sich urn eine intellektuelle Betrachtungsweise mit Thesen und Antithesen. Die Lösungen ergeben sich oft aus wilden Diskussionen. Fuer Protestanten werden solche Diskussionen als Streit empfunden. Protestanten halten sich an Vorbilder. Sie wollen nicht aus der Reihe tanzen.
Bei den Katholiken siegt die sprachliche Formulierung, während bei Protestanten der Inhalt entscheidend ist. In einem Konflikt ist oft die Sprache das einzige Lösungsmittel, sodass ihre perfekte Beherrschung unendlich wichtig erscheint. Traditionell sprechen Katholiken komplizierter und umständlicher als Protestanten, die üblicherweise direkt zum Punkt kommen. Sie sprechen einfach und kurz. Dadurch wird allerdings das Kommunizieren erschwert. Die kurzgefasste Präsentation gilt in Nordeuropa als Tugend und Beweis für sachliche Korrektheit. Die Katholiken sehen darin einsilbige Unbeholfenheit. Eine Botschaft, die duerftig verpackt ist, kann nicht viel Wertvolles beinhalten. Der Katholik hält den Zuhörer in Spannung, um schließlich "die Katze aus dein Sack" zu lassen. Der Protestant überbringt die Botschaft trocken in Ermangelung von Mystik.
Protestantische Beschlüsse werden relativ schnell gefaßt; dies im Wissen, dass sie wieder geändert werden können. Sie treten sofort in Kraft und werden auch befolgt. Die Katholiken brauchen mehr Zeit, um zu einem Entschluss zu kommen, der dann möglichst ewig halten soll. Die Protestanten sehen Bestimmungen als einzuhaltendes Gesetz, während Katholiken darin eher eine Beschreibung eines Idealzustandes sehen. Als simples Exempel sei angeführt, daß die Vorschrift "Hunde an der Leine führen" von Protestanten im allgemeinen befolgt wird, hingegen in Südeuropa als Erinnerung zu werten ist, dass Hunde unter einer gewissen Aufsicht gehalten werden sollen.
Die protestantische Kirche war mehr an nationale Grenzen gebunden. Die katholisch& Kirche hingegen versteht sich international mit dem Papst als Oberhaupt. Die Katholiken befinden sich in einer weltweiten Glaubensgerneinschaft. Sie haben ein kollektives Verhältnis zu Gott. Die Protestanten andererseits ziehen eine sehr persöhnliche Gottbeziehung vor. Die Europaidee soll deshalb fuer Protestanten schwerer akzeptierbar sein.
Der Druck für eine verstärkte
Transparenz in der Europäischen Union kommt aus dem Norden. Die katholische
Kirche verwaltet viele Geheimnisse, während die Protestanten sich auf die Bibelübersetzung
aus dem 15. Jahrhundert stützen. Die Auslegung der Bibel ist den Protestanten
weitergehender selbst überlassen.
Die Gefahr besteht, daß die Sprache mißverständlich von Katholiken und Protestanten benutzt wird. Gegensatzpaare wie Dezentralisierung und Zentralsteuerung, Mobilität und Umzugsfeindlichkeit, Offenheit und Vertraulichkeit, Hierarchie und Kollegialität, Gleichstellung und Unterschiedlichkeit der Geschlechter mit all seinen Auswirkungen auf das politische und religiöse Leben (Politikerinnen, Priesterinnen) werden oft zu rigoros zu Kulturunterschieden hochgespielt.
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