Die Bedeutung von internationalen Sozialprojekten am Beispiel CONCORDIA in der EU
Europäische Briefe der Europa-Gesellschaft Coudenhove-Kalergi, Generalsekretär Heinz Wimpissinger, Artikelverfasser P. Markus Inama SJ, Innsbruck und Sofia
Was bedeutet Europa und wie wollen wir es heute und in Zukunft gemeinsam leben? Wie gut kennen wir unsere Nachbarn oder wollen sie in dieser Gemeinschaft kennenlernen? Was bedeutet es für jeden von uns, mit den Bürgern der EU-Mitgliedsstaaten in einer Gemeinschaft zu leben? Wirtschaftliche Zusammenarbeit, Reisen ohne Grenzkontrollen, studieren und arbeiten wo wir möchten? Oder doch mehr?
2016 feiern wir das 25. Jubiläum von CONCORDIA Sozialprojekte. Seit der Gründung im Jahr 1991 hat sich aus dem ersten Sozialprojekt für Straßenkinder in Rumänien eine internationale Hilfsorganisation entwickelt, die heute über 1.000 Kinder und Jugendliche in Rumänien, der Republik Moldau und Bulgarien betreut. CONCORDIA Sozialprojekte hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern ein glückliches Aufwachsen in ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. Ich wurde von meinem Jesuiten-Orden 2008 nach Bulgarien geschickt, um dort das Concordia-Projekt aufzubauen. Als Vorstand bereise ich diese Länderregion von Innsbruck aus regelmäßig.
Auf einer dieser Reisen saß ich im Zug mit drei Mitreisenden, die sich angeregt unter anderem auch über Flüchtlinge und Ausländer unterhielten. Sie meinten, dass Ausländer nicht gewohnt seien hart zu arbeiten. Mein Gegenüber bemerkte, dass ich unruhig wurde und lud mich zu einer Diskussionsbeteiligung ein. Ich erzählte von meinem Einsatz in Bulgarien, von den schwierigen Ausgangsbedingungen. Ich schilderte ihnen die Situation von Menschen, die sich abrackern, um überhaupt überleben zu können. Rasch wendete sich das Blatt. Meine Gesprächspartner zeigten auf einmal Verständnis dafür, dass die Bedingungen in den Ländern, in denen wir tätig sind, ganz andere sind. Am Ende verabschiedeten wir uns mit einem einvernehmlichen Handschlag.
Mein Eindruck ist, dass unsere heutige europäische Gesellschaft , in der viele Menschen sich verunsichert fühlen, die direkte Erfahrung auch in Ländern mit großem Wohlstandsgefälle brauchen und dort auf Hilfsprojekte wie Concordia stoßen können. Es braucht Initiativen, in denen Solidarität gelebt wird; es braucht Brückenbauer, die die Lebenssituation der Menschen in anderen Ländern kennen, die über die Grenzen hinweg Freundschaften knüpfen, und auf diese Weise Vorurteile abbauen. Nur so können wir bei all unseren Unterschieden lernen, die Menschen in unserer großen Gemeinschaft zu verstehen und zu respektieren. Andernfalls bleiben andere Länder und Kulturen oft schematisch in Schubladen eingeordnet, ohne dass wir differenziert wahrnehmen können, wie das Leben andernorts abläuft, welche Erfahrungen, Bedingungen, Sorgen, Freuden, Hoffnungen und Ängste Menschen und Gesellschaften formen – und welche Möglichkeiten wir haben, miteinander zu leben, einander zu helfen, Solidarität und Respekt aufzubauen.
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